Im Biwak in Brandenburg – und die Sache mit der Angst

Noch ein kleines Stück durch den Wald und mit dem Sonnenuntergang rollen wir an den See. Um die Hütte zu inspizieren, benötigen wir bereits unsere Stirn- und Fahrradlampen. Unter den Bäumen wird es rasch dunkel. Auf dem See sind noch Wasservögel zu erkennen. Ein Schwanenpaar dümpelt auf dem Wasser.

Schnell sind Äste und Zweige für ein Feuer gesammelt.

Am letzten Stopp haben wir Proviant eingekauft. Jule startet ihr Abendbrot, bevor wir mit dem Grillen beginnen, da sie noch per Zug in die Stadt zurückfahren wird. Der Bahnhof ist nur wenige Kilometer entfernt.

Es knackt im Gehölz um uns herum.

Nicht bedrohlich. Es sind fallende Eicheln, die auf trockene Äste und den Boden treffen. Aber nur wenige Schritte vom Schein des Feuers entfernt ist es stockdunkel. Jule blickt den Weg entlang, der sie durch den Wald zur Landstraße führen wird. Das dynamobetriebene Licht an ihrem Rad ist – bei Stillstand – nicht sehr stark. Wir sind auf einer anderen Strecke in den Wald hineingefahren. Falls sie dennoch eine ähnliche Steigung überwinden muss wie auf unserem Hinweg, müsste sie wahrscheinlich ein Stück schieben. Den Batterien einer unserer Stirnlampen fehlt der Saft. Daher können wir Jule die andere nicht mit auf den Weg geben. Schnell fällt die Entscheidung, dass Thomas sie bis zur Landstraße begleiten wird.

Ich sitze alleine am Feuer.

Jetzt dringen viel mehr Geräusche zu mir durch. Ein Kauz ruft. In der Nähe wird gefeiert. Es knackt wieder. Plötzlich glaube ich, ein Telefon ganz in der Nähe summen zu hören. Ich schaue auf mein Display, das ist dunkel. Im Stehen fühle ich mich sicherer, laufe um das Feuer herum und beschäftige mich damit, Äste zu zerkleinern. Allerdings kann ich so nicht mehr in den Wald hineinhorchen.

Also bin ich wieder still.

Es sind nur wenige Minuten, die ich so verbringe, aber ich bin dankbar, bald die Fahrgeräusche von Thomas zu hören. Wir sammeln noch ein paar Äste ein und verbringen die nächsten Stunden am Feuer. Manchmal ebben die Geräusche der Feier ab, dann sind sie wieder deutlich zu hören. Ein weiterer Kauz ruft. Die Eicheln fallen. In der Dunkelheit zieht ein Schwarm Gänse über uns hinweg. Ich kann es nicht lassen, ab und zu die Stirnlampe anzuknipsen und in den Wald zu leuchten. Als ich mich kurz vom Feuer entferne, sehe ich den Mond aufgehen, er erhellt die Umgebung etwas, dazu der klare Sternenhimmel. Ein Stück weiter weg nehmen die Lichter der Ortschaften dem Himmel die Schwärze.

Plötzlich spüre ich Panik aufsteigen.

Es hört sich wie ein Röcheln an. Ich bin mir sicher, dass ein Wildschein hinter mir steht. Meine Hand tastet zu Thomas hinüber, der mich fragend ansieht, wahrscheinlich stammel ich noch „Da ist was!“. Thomas grinst und sagt: „Das ist ein Feuerwerk!“. Jetzt höre ich es auch. So schnell wie ich völlig neben mir gestanden habe, bin ich beruhigt.

Ich bin gespannt, wie ich solche Situationen alleine bestehen werde.

Ich erzähle davon, dass ich großen Respekt vor Wildschweinen habe. Wie wir einmal einen leichten Unfall mit zwei Keilern hatten, die glücklicherweise überlebt haben. Wie das schwere Tier über die Fahrbahn kugelte, sich aufrappelte, schüttelte und weiter lief, das werde ich nie vergessen. Sie sind mir andererseits sehr sympathisch, suchen die Ruhe vor den Menschen und deren Hunden, was sie manchmal auf lange Strecken durch Wasser treibt.

Und der letzte Berliner Tatort hat sich in Nerven und Hirn gebrannt.

Mit dem Thema Angst – wie sie entsteht & abgeschüttelt werden kann – werde ich mich in Zukunft sicher intensiver beschäftigen.

Isomatten, Schlafsäcke und Biwaks rollen wir auf dem Tisch in der Hütte aus. Es geht auf den Gefrierpunkt zu in der Nacht. Einmal muss ich raus und habe gar keine Angstgefühle dabei, mich ein Stück von der Hütte zu entfernen. Beim Einsteigen in den Schlafsack stecke ich versehentlich nur ein Bein in das Inlett. Da ich zuviel Herumwühlen vermeiden will, ist es nun nicht mehr ganz so warm, aber gut auszuhalten.

Plötzlich atmet und schnauft noch ein Lebewesen in der Nähe und dreht eine Runde um den Tisch, auf dem wir liegen. Vielleicht ein Fuchs.

Mit der Morgendämmerung setzt der erste Gesang der Vögel ein. Ich blinzel zum See hinüber, der völlig von einer hohen Nebelwand bedeckt ist. Das Zwitschern verstummt wieder. Ich schlafe noch eine Runde. Als die ersten Sonnenstrahlen durchdringen, schäle ich mich aus dem Schlafsack und beobachte, wie sich der Nebel langsam über dem See hebt. Ein Graureiher fliegt vorbei. Die Teichhühner piepsen schrill. Haubentaucher ziehen über den See, am anderen Ufer sitzen Enten.

2018-09-30 08.07.13-1

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich noch in diesem Jahr eine Nacht auf diese Weise – ohne Zelt und organisiertem Camping – draußen verbringen durfte.

Irgendwann werde ich mich auch alleine wohl fühlen. Für die ersten Schritte dahin ist ein „Outdoor-Coach“, zu dem ich Thomas in Gedanken gekürt habe, ein großes Geschenk.

Für die kältere Jahreszeit plane ich Ausflüge in den Wald, um tagsüber den Geräuschen zu lauschen und das Radfahren in der Dunkelheit zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Als Einstieg dafür reicht bereits der Weg an der Panke entlang. Ich freue mich auf gelegentliche Gesellschaft dabei.

 

2 Kommentare

    • Dank dir, David. Ich kann empfehlen, in einer Schutzhütte mit dem Alleineschlafen zu starten. Bisher habe ich es noch nicht gemacht, aber immerhin fühlte ich mich nachts alleine im Wald bei einem „Novernighter“ dort ziemlich wohl.

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