Gravel Spartakiade: Mein Jammertal

Es war eine sehr spontane Entscheidung, mich für die Gravel Spartakiade von veloheld anzumelden. Das Radelmädchen fährt seit kurzem sehr glücklich ihr veloheld.iconX. Dresden ist schnell mit dem Zug erreichbar. Es gab noch freie Plätze für die Fahrradmitnahme im EC. Ich war schon ewig lange nicht mehr in der Sächsischen Schweiz.

Ich war schon ewig lange nicht mehr in den Bergen. Oder zumindest Hügeln.

Die Holsteinische und die Mecklenburgische Schweiz liegen mir sehr am Herzen, aber sie sind kein Vergleich. Und der Spruch: „Wer Gegenwind hat, der braucht keine Berge.“, gilt für mich Küstenkind offenbar nicht. Denn Gegenwind kann ich.

Es findet so vieles im Kopf statt.

Diese Stimme. Die den Beinen sagt, dass sie diesen Hügel ganz bestimmt nicht mehr schaffen. Es atmet sich schwerer am Berg. Es ist ungewohnt, bergauf zu fahren. Aber es ist nicht unmöglich. Aber die „Das schaffst du!“-Stimme der kleinen Wiebke, als Kind habe ich es mir in schwierigen Situationen immer gesagt, setzte sich in meinem Kopf nicht durch gegen das Altweibergejammer. Und das startete sehr bald.

2018-09-15 08.59.40Nach der sehr netten Bahnreise mit drei weiteren Teilnehmenden – zwei davon bauten in Rekordzeit ihre Räder noch im Zug wieder zusammen, die sie in Transportsäcken mitgebracht hatten – und einer kurzen Fahrt zur wunderbaren Bäckerei Graf in der Dresdener Neustadt, trafen wir auf Martin, André und Flo, die auch aus Berlin, Leipzig und Köln angereist waren. Gemeinsam rollten wir zu veloheld, wo wir mit Kaffee, Snacks und Luftpumpe begrüßt wurden. Ein anderes Fahrtwind-Döner-Shirt, das in Cottbus fährt, entdeckte ich sofort. Nach und nach rollten alle 50 Angemeldeten – davon 8 Frauen – ein. Schöne Räder, fröhliche und freundliche Menschen, nette Gespräche.

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Aber schon dort drangen immer wieder Grübelfetzen wie: „Schaffst du das? Bist du nicht zu müde? Das war eine kurze Nacht!“ durch.

Schließlich der Startschuss und wir rollten.

Und trugen. Und rollten wieder kurz. Und stoppten dann, denn eine Jacke hatte sich an Jules Saddle Bag gelöst. Plötzlich waren wir alleine. Auf einer wunderschönen Strecke im Dresdener Stadtwald. Nach einer kurzen Abfahrt stand dort ein Freund aus Berlin, der einen Schlauch wechseln musste. Dass er uns in Kürze wieder einholt war keine Frage. Er ist ein unglaublich kerniger Mann, der ständig auf langen Strecken unterwegs ist und gerne Höhenmeter sammelt. Als er wieder auf unserer Höhe war, sang ich gerade ein Klagelied. Wahrscheinlich ahnte er schon, dass ich mich auf den kommenden Kilometern nach und nach auflösen würde. Schnell trat er wieder fester in die Pedalen und zischte davon. Also musste Jule mich ertragen. Und trug es mit Fassung und Empathie. Es folgten einige Abschnitte, auf denen wir wunderbar gemeinsam rollten, querliegende Baumstämme überwanden, über eine verlorene Banane lachten. Und über uns.

An der Bushaltestelle in Dobra und wahrscheinlich in der Nähe des ersten Checkpoints, den wir nicht innerhalb der Zeit erreichten, kurz die Beine gestreckt. Die Muskeln muckelten etwas. Eine Banane geteilt und weiter. Den Berg hoch ging es mit Mühe. Dann sollte es höher gehen. Dort trennten wir uns und ich wechselte nach einer kurzen Abfahrt auf die Landstraße, die sich wunderbar fuhr, denn sie war teilweise wegen Bauarbeiten gesperrt, daher ruhig und schönster Gravel. In Stürze befüllte mir eine sehr nette Frau meine Wasserflasche und sagte fröhlich:

„Ja, es ist anstrengend bei uns!“

Noch kurz den Hügel hoch. Neben mir schwebte ein Rotmilan. Und dann nahm ich die falsche Abfahrt. Wir hatten Heselicht als Treffpunkt verabredet. Aber auf meinem Navi erschien noch immer nicht die Strecke, auf die ich hier wieder stoßen sollte. Später stellte ich fest, dass ich den falschen Track geladen hatte. Vorher waren wir nur nach der Anzeige von Jule gefahren. Es ging in herrlich sanften Kurven berab ins Tal. Wo ich feststellte, dass ich umkehren musste. Hätte ich da in Ruhe meinen Navi gecheckt, wäre ich nicht über Heselicht gefahren. Sondern nur ein Stückchen zurück und etwas weiter nördlich an das Ufer der Polenz gelangt. So wurde es mir auch von einem veloheld per Handy erklärt, den ich kurz auf der Notfallnummer anrief, da ich Jule nicht erreichte. Aber ich fuhr stur durch Heselicht, an neugierigen Ziegen vorbei, eine steile Abfahrt hinab, an deren Fuß sehr freundliche Hunde mit Welpen herumtollten, erneut ins Tal.

Bis es links wieder hoch gehen sollte. Und ich mich setzte.

Jule war, wie in einem kurzen Telefonat besprochen, wieder auf dem Track. Allerdings alleine. Was mir zwar keine Sorgen – ich weiß, dass sie das kann – aber ein schlechtes Gewissen verschaffte.

Das laute Keckern des Eichhörnchens über mir war der perfekte Soundtrack zu den Gedanken, die durch meinen Kopf hämmerten. Niemals würde ich vor der Dunkelheit am Campingplatz ankommen. Also fiel die Entscheidung: Ich steige aus. Die SMS an die Notfallnummer war schnell geschrieben. Die freundlichen Hunde hatten ein ebenso nettes Herrchen, der mein Rad auf den Pick-Up lud und mich bis Pirna zum Bahnhof fuhr. Er kenne das Gefühl, im Tal gefangen zu sein.

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Später erfuhr ich, dass Jule in Mittelndorf wieder Anschluss gefunden hatte und in einer Gruppe im Laufe des Abends das Ziel erreicht hat. Ganz großen Respekt fürs Weiterfahren und Durchhalten an alle. Danke an veloheld für die Organisation und das Ohr für mich beim Anruf. Und ein großes Danke an Jule für die aufmunternden Worte und Unterstützung. Ich freue mich auf das nächste Mal! Denn das wird es geben.

Ich habe mich heute früh aufs Fahrrad gesetzt und mir eine Trainingsstrecke mit Gravel, Brücken, Sand und Strecke für eine gut 2-stündige Runde gesucht. Die Schönower Heide werde ich von nun an häufiger besuchen. Der Tipp dafür stammt vom prollrocker. Danke!

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5 Kommentare

  1. Hallo Wiebke, mir kamen spontan Erinnerungen an meine erste 90 km-Strecke mit dem Gravelrad durch Gelände. Das zog und zog und zog sich, dabei war es nicht mal bergig! Wie Harald schreibt, da hilft nur nicht unterkriegen lassen. Beim nächsten Mal wird es besser – und beim übernächsten Mal noch schlimmer, aber auf einem anderen Niveau 🙂

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