Das erste 150km-Solo

Knapp zwei Monate nach #BÄR2HH starte ich endlich auf meine erste lange Fahrt ohne Begleitung. Mitte Juni ging es von Berlin nach Wittenberge, das liegt auf etwa halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg. Also kann es nach Lübeck nicht viel weiter sein. Und damit ein Besuch in der Geburtsstadt und bei meiner Mutter. Natürlich habe ich die Route via Komoot angelegt und weiß genau, dass ich die 150km auf dieser Strecke knacken werde.

Im Partyzug nach Wittenberge

Ich bin schon gegen 4 Uhr hellwach, starte in der Dunkelheit und deutlich früher als geplant. Nach einigen hundert Metern auf dem Fahrrad merke ich, dass sich der Kopf zu leicht anfühlt: Ich habe den Helm vergessen! Im Sprint geht es zurück nach Hause, mit den Klickies klappernd durch Hinterhof und Treppenhaus und auf glücklicherweise ruhigen Straßen in nur wenigen Minuten die Bernauer Straße zum Hauptbahnhof. Mit nur wenig Gepäck, denn am Ziel wird es mir an nichts fehlen, stehe ich an diesem kühlen Augustmorgen endlich am Bahngleis. Im Regionalzug, der Station für Station in den Sonnenaufgang hineinfährt, herrscht Partystimmung. Letzte Flaschen werden geleert und die Planung für die Doppelbelegung von Betten abgeschlossen.

Die ersten 20km ruckelt es.

In Wittenberge starte ich zum ersten Mal mein neues Navigationsgerät, schlage erst die falsche Richtung ein und rolle schließlich aus der Stadt hinaus. Schnell gelange ich im Wechsel zwischen Landstraßen und Radwegen in die Gegend um Grabow und finde allmählich meinen Rhythmus. Das wird sich auf kommenden Fahrten wiederholen: Die ersten 20 Kilometer laufen nicht rund, die Hose kneift, die Finger und der rechte Fuß kribbeln, die Lenkertasche hängt im Weg und die Wasserflasche klemmt. Und der Fabrikverkauf der „Grabower Küsschen“ hat auch noch geschlossen! Allerdings keine Überraschung an einem Sonntag.

Es ist sowieso eher Zeit für ein gutes Frühstück.

2018-08-05 09.13.00-12018-08-05 09.30.01Die LKW-Raststätte am Ortseingang von Neustadt-Glewe hat sicher Kaffee im Angebot. Aber ich lasse sie lieber links liegen und frage eine Passantin nach einem Bäcker, der am Sonntag geöffnet hat. In der Bäckerei Mahnke kaufe ich ein großes Stück Pflaumenkuchen, meine Kaffeetasse wird gefüllt und die nette Verkäuferin steckt mir noch ein Croissant zu: „Damit Sie es bis Lübeck schaffen. Das ist ja weit! Und so ganz alleine!“. An der Schleuse lasse ich es mir schmecken.

Und finde es sehr schön, so ganz alleine unterwegs zu sein.

An Schnellstraßen entlang werde ich um die Altstadt von Schwerin geleitet. Eintönig ist es dort. Und verschlungene Strecken wurden gebaut. Aber bis auf Verwirrung an manchen Kreiseln, verlässt mich mein Navi nicht. Dann geht es einen Hügel hinab, durch die Bäume schimmert Wasser und ich bin auf dem platten Land angekommen. Wirklich platt ist es allerdings nicht. Mal wellt sich die Landstraße sanft, mal stürmischer, dazu kommt eine steife Brise, aber nur sehr wenig Autoverkehr. An einen Baum gelehnt feiern mein Fahrrad und ich die 100 Kilometer-Marke mit dem Croissant.

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Immer genügend zum Futtern dabei haben.

Das ist eine Lektion aus dieser Tour. Und lieber einmal mehr anhalten, um die Wasserflaschen aufzufüllen. Wie bei der Tankstelle in Gadebusch, wo ich mich bei einem Eis mit einem Radreisenden über Packtaschen und seine weitere Strecke Richtung Hamburg unterhalte.

Die Ortsnamen klingen immer vertrauter, aber ich schlage einen mir unbekannten Weg ein, der auf östlicher Seite des Ratzeburger Sees entlangführt. An dessen Ufer erinnere mich lebhaft. Als Kind hatte ich panische Angst davor, beim Segeln auf dem See dorthin abgetrieben zu werden. Dort patrouillierten die Grenzsoldaten und die Wachhunde bellten. Heute fahre ich auf einem der ehemaligen Wege der Grenzer unter tiefhängenden Zweigen von Apfelbäumen hindurch. Vor Utecht führt der Radweg abseits der Straße an Feldern vorbei.

Eine letzte Steigung und vor mir liegt Lübeck im Tal.

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Hinter mir duften Unmengen von Brombeeren. Der perfekte Ort für eine kurze Rast.

Den letzten Stopp lege ich an der sich endlos ziehenden Ratzeburger Allee ein. Die 150 Kilometer sind geschafft und werden beim Dönerladen mit einem alkoholfreien Bier begossen.

Fast 160 Kilometer bin ich gefahren und es gab keinen Moment, an dem ich daran zweifelte, dass ich es schaffen werde. Nur einen Teil der Strecke – entlang einer stark befahrenen Landstraße – habe ich verflucht und bin schließlich auf den noch nicht fertiggestellten Radweg ausgewichen. Ist klar, dass auf diesem Foto die Straße ohne Verkehr ganz friedlich scheint.

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Auch den Zeitplan habe ich eingehalten. Zum Ende hin wurden die Pausen häufiger und der Blick auf die gefahrenen Kilometer.

Pausen sind gut. Ansonsten: Die Fahrt genießen.

Das habe ich aus dieser ersten langen Strecke gelernt. Dachte ich. Wie es mir auf der nächsten Fahrt von Hamburg nach Friedrichskoog erging, das erfahrt ihr bald.

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